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prosa

Samstag, 2. Juli 2005

lebensmelodie

Dritter Besuch, der Platz bei der Strassenlampe wieder leer. War es hier, fragen die Gedanken die Erinnerungen, hier bei diesem Laternenmast oder doch erst bei dem Nächsten, langsam verschwimmt die Erinnerung, verliert an Festigkeit, sie wurde auch lange nicht mehr aufgefrischt. Es gab, es war, aber es ist nicht nochmals, es gibt nur noch, jetzt, was war.
Das war schön, dieser leise Klang des Saxophons, der sich nicht weit verbreitete, der sich nicht in der Häuserschlucht verlief und dadurch zwang, wollte man die Melodie hören, stehenzubleiben. Von unten, dem kalten glatten schmutzigen Granit der breiten Strasse kam er und stieg leise auf, drang in die offenen Ohren, setzte sich fest, wie sich Bekanntes hält und das Neue anzieht. Das Bekannte umarmt das Neue, lässt es nicht mehr los, ja so waren die Melodien, die aus dem geformten Messingblech, dem Saxophon kamen.
Genau konnte niemand sagen, das ist es, das ist von dem oder dem, das ist das Lied, nein, genau nicht, alles lief zusammen, wurde zu einem Klingen einer Lebensmelodie. Ein Leben gespielt ohne Notenblätter, aber hören musste man es wollen, sonst waren es bloß ein Musikfetzchen in diesem Trubel der Geldausgebenundkurzesglückerwerbenstrasse, ein anderer Ton ihm Ohr. Hörte man nicht zu, gab man sich nicht die Zeit, besser schenkte man sich nicht die Zeit, um den vereinten Tönen ein Bild zuzuordnen, nahm dieses Tongeschenk nicht an, dann konnte man weitergehen. Ja hören musste man wollen, um anzuhalten.
Es fing immer unsicher an, das neue Stück, ein wenig wie - wohin soll ich eigentlich - ein wenig wie ich will nicht heraus aus der Geborgenheit des Nochnichtgespieltsein, doch es kam heraus. Die Kindheit kam mit den Tönen, ein Bild der Kindheit, nicht zu weit die Mutter verlassen, nicht zu weit vom Sax weg erklingen, noch ein wenig festhalten.
Schon drängten die nächsten Noten nach, erspielten sich eine unbekümmerte Fröhlichkeit, sicherer klangen sie, wie Jugend und Übermut, so als könne sie nichts aus ihrer Bahn bringen, sie stießen durch, legten sich vor den Klang des Unsicheren. Sie zwangen den Geher seinen Schritt zu stoppen, die Ohren zu öffnen, anzuhalten um innezuhalten.
Der flotten Unbekümmertheit folgte ein Bruch - die erste Liebe entzwei - in der Melodie des Lebens, dieser Melodie, die aus vielerlei oft Gespieltem zusammengefügt war und hier sich darbot und trotz dem Bekannten doch eine eigene Melodie war.
Dann klang das Sax dumpf, ein wenig depressiv, gezogen die Melodie, lange Abstände zwischen den Noten und Tönen. Die Zeit des Verlustes wurde gespielt und gleich darauf erholte sich die Melodie, griffen höhere Töne ein, warfen dumpfe Teile aus dem Klang, der Rhythmus beflottete sich, die Fingerspitzen griffen häufiger auf den Klappen und Ventilen herum, blassrosa färbten sich die Wangen der Spielerin, das Blut zirkulierte eine Spur schneller, angetrieben von den Erinnerungen, den fröhliche ausgelassenen, licht und heiter malten die Töne die vorstellbaren Lebensbilder, erklommen eine neue Höhe, die Hochzeit im Leben, der Mann der einzig geliebte im Leben, trat ein in das Tonbild, noch klangen hohe Töne unterschiedlich auf, warfen eine positive Wellenlinie an Tönen aus dem Trichter des Saxs. Langsam kamen Zwischenakkorde gleichmäßig, vorerst nur kurz, verlängten sich, übernahmen immer mehr der Melodie, die Gewöhnung an Gewohnheiten, ein schriller klagender Ton brach sie ab, der Tod, in kurzen Stößen brach die Trauer in die Fröhlichkeit ein, die Botschaft der Musik hieß Leiden.
Die Spielerin des Saxophons saß auf dem kalten Boden, eingehüllt in etliche Schichten Stoff und gestrickten Umhängen, ihre Finger zeigten sich nur an der Spitze, lugten aus alten bunten Handschuhen, den die Kappen fehlten um die Klappen spielen zu können, Sie war die Melodie, sie spielte ihr Leben, sie sammelte hier nicht Almosen, wenn dennoch ein Geldstück fiel, nahm sie es am Ende eines Liedes, weshalb auch nicht, sie konnte es sicher brauchen, nur sie zielte nicht auf die Geldbörsen, sie zielte auf die Ohren, auf die Herzen. Welche Trefferquote sie erreichte, eine niedrige vermutlich, stehenbleiben dem Lied ihres Lebens zuzuhören, wenige, keine Zeit, die Unsinnigkeit des Erwerbens lag in den Stirnen vorne. Was geht sie uns an, was ihr Musik, ihr gespieltes Leben, es gibt Fürsorge für sie und für uns bessere Musikkonserven, ja, soll sie spielen, es stört nicht, aber sie soll mich nicht erreichen, soll uns nicht erreichen.
Nur nicht erreicht werden, nur nicht die Misstöne in der Melodie des eigenen Lebens hören, es ist noch nicht der Zeitort, noch nicht der richtige Termin für den Eilenden sich seine falschen Akkorde anzuhören und sie zu ändern, jetzt noch nicht, nein, später, wann später, zu spät, kann man nichts machen, die Umstände und so, sie wissen und außerdem, es könnte zu der Armut führen, zu jener Armut die hier saß in der Gestalt der alten Saxophonspielerin, die keinen Pelz besaß, keine warme Bleibe mit Dusche oder fünf komfortable Zimmer bewohnte, zumindest nahmen das die Vorübergehenden an. Ihren Reichtum, ihren einzig wirklich wichtigen Besitz sahen sie nicht, weil sie nicht hören können wollten.
Blues, leiser sanfter Blues kam von dem Sax am Bodenplatz, nahm mit, legte die Trauer bloß, die in ihr wohnte, führte hinein in die kurze Zukunft die sie noch vor sich sah, schon spielte der Tod in der Melodie mit, es klang wie ein Trauermarsch, den sie üben musste für ihren letzten Weg, aber wer sollte ihn dort spielen, wenn ihre Fingerspitzen nicht mehr die Klappen und Ventile öffneten und schlossen, wer sollte spielen. Ein Gepolter an Tönen, die Erde fiel auf den Sarg, der letzte Ton, zerplatzte in der lauten Welt vor ihrem Platz. Die Lippen gaben das Mundstück frei, die Leute gingen weiter und noch immer vorbei, Pause, die Musik machte Pause, schon einmal heute gespielt, ihr Leben, noch einmal, nicht des Geldes wegen, nein, der inneren Notwendigkeit wegen, sie spielte, denn sie lebte noch und wieder werden die Töne aufsteigen, leicht anders die Melodie klingen, ohne Noten gespielt, noch einmal und morgen wieder sich hier durchsetzen wollen, spielen um zu Leben, das eigene Leben als Musikerzählung spielen, ein einfaches klares Ziel für die spärlichen Resttage, die uns allen beschieden sind und mit dem schweren Blues wird sie enden, dann ihr Habe zusammenraffen und gehen, wohin, keiner konnte es sagen, keiner kannte ihren Namen, sie wird einfach gehen um wiederkommen zu können.
Der Platz, oder war es doch dort, ist leer, die Melodie ihres Lebens kommt nicht mehr aus dem Messingblech, die Finger drücken keine Klappen und Ventile mehr, zumindest nicht mehr hier, der Platz, so genau kann man sich nach einer geraumen Zeit nicht mehr erinnern, ist nur eine Erinnerung für die, die hören konnten und wollten. Für mich eben, für mich eine Erinnerung.

Freitag, 29. April 2005

Mein Malen


Eine Idee, seit ein paar Tagen ist sie in mir, fängt meine Gedanken ein, holt mein Gefühl aus dem Bauch, zeichnet mir ein inneres Bild vor die Augen, lässt es verschwinden, neu erscheinen, wechselt Farben aus, erneuert dies und das.
Sie keift mit mir, schimpft mich Zögerling, ist mit mir unzufrieden, lacht über meine momentane Hilflosigkeit und treibt mich vor sich her, hinein in das Tun.
Zwei, drei Tage, dann beginne ich die Idee zu besiegen. Genussvoll sprühe ich Wasser auf die Aquarellfarben, bis sie mich beinahe lebendig anglänzen. Noch liegt das Blatt in seinem Weiß unberührt auf dem Malbrett. Meine Hand streicht liebevoll über die gebundenen Pinselhaare, das Bild der Idee ist jetzt deutlich in mir.
Automatisch nehme ich den dicken Pinsel, den der faul und bequem im Behälter steht, wecke ihn durch ein Bad im klaren Wasser. Grün, ein scharfes Grün drängt sich auf, der Pinsel gleitet in die Farbe berührt das erste Mal das Papie, zerstört das jungfräuliche Weiß. Die Lust am Malen nimmt mich fest in ihre Fänge, die Emotion erwacht, der Kampf gegen die Idee, gegen ihre freche Lebendigkeit in mir äußert sich in einem schnellen Strich, der Stängel ist festgelegt, die Blätter, der Blütenkopf folgen, nur Umrisse auf dem Papier. Das Grün ist zu hart, zu scharf, ein wenig gelb hinzu, Rot, Karminrot um die Umrisse, die Farbe meiner Emotion, dazu das Licht von Indischgelb, schon entsteht Wärme auf dem Bild.
Jetzt führt mich nur noch mein Gefühl, meine Ergriffenheit von dem Motiv, von dem Wollen, die Idee zu bannen, ihr keine Chance auf ihre Wechselspielchen mehr zu lassen. Ich schöpfe aus mir, Orange in den Blütenkopf, konturiere mit Schwarz, nochmals drüber. Abgrenzungen des Motivs gegen seinen roten Hintergrund in dem es liegt, auf dem es zu leben beginnt.
Ein flacher Pinsel trägt reines Wasser über das Vorhandene, Zusammenläufe von Farben bilden sich, ich kann nicht aufhören, die Lust daran ist lebendig in mir.
Der letzte Punkt der Idee ist noch zu verwirklichen, die Tränen der Sonnenblume. Weiß, ausgedünnt, fließt über die Blätter, über die Blüte, bildet Bäche von dünner milchiger Farbe, bleibt irgendwo stehen, bildet eine Träne.
Die Idee ist festgehalten und in mir verlöscht.
Signieren, Fotografieren, in den PC speichern, das Bild wegräumen. Nebenarbeiten, belanglose Tätigkeit am Rande des Schöpfens.
Das fertige Bild ruft kein Interesse mehr wach, malen ist alles. Malen, das ist, wenn die Leidenschaft in die Tageszeit eindringt und diese unwesentlich macht, wenn der Bauch die Farben wählt und die Hand sich dem Gefühl ergibt, wenn die Pinsel sich tanzend auf dem Papier bewegen, wenn die Außenrealität sich im Abseits des Sehens befindet und sich eine neue Realität in der Leidenschaft und Emotion des Bildes erschafft. Ja das ist Malen, mein Malen, so male ich, anders kann ich es nicht.



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